Text: Melanie Bauer Fotos: FLM Glentleiten / Bäck bzw. Groth-Schmachtenberger, Touristinformation Kochel a. See / Max Merget, Florian Trykowski
Gudrun Brandt stammte aus Leipzig und verbrachte als Landjahrmädchen ab Juli 1942 gut eineinhalb Jahre auf dem Hoderer-Hof im oberbayerischen Kochel am See. Sie unterstützte die Familie bei der täglichen Arbeit. Nachdem der Bauer zum Kriegsdienst eingezogen worden war, musste sie auch seine Aufgaben übernehmen. Sie kümmerte sich um die Tiere, fütterte die Kühe, mistete den Stall aus und streute ein. Auf dem Feld führte sie die Ochsen, sie mähte Gras, was ihr wegen der ungewohnt geformten Rechen zunächst Schwierigkeiten bereitete. Und auch wenn es ihr in Kochel gut gefiel, so plagte sie manchmal dennoch das Heimweh – dann ließ sie sich entweder von ihrem Lieblingsochsen Max trösten und ging zu ihm in den Stall oder aber sie schnallte sich ihr Akkordeon um, setzte sich auf den Balkon und spielte drauflos. Geschichten wie diese aus dem Hoderer-Hof, dem ersten ins Museum versetzte Gebäude, erzählt das Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern an vielen Stellen in seiner Dauerausstellung. Gudrun Brandt findet man aktuell in der Sonderausstellung ZeitRäume.
Das größte Freilichtmuseum Südbayerns liegt malerisch oberhalb des Kochelsees in der oberbayerischen Gemeinde Großweil. Auf etwa 40 ha zeigt es fast 70 historische Gebäude, die an ihrem ursprünglichen Standort ab- und im Museum wieder aufgebaut wurden. Zur Glentleiten gehören aber nicht nur Häuser, sondern auch Gärten, Felder, Wiesen und Weiden, auf denen historische Nutztierrassen grasen. Im Jahr 2026 kann die beliebte Kultureinrichtung des Bezirks Oberbayern auf fünf Jahrzehnte Museumsbetrieb zurückblicken und feiert mit seinen Besucherinnen und Besuchern das ganze Jahr über Geburtstag. Was in den 1970er-Jahren als Rettungsprojekt für bedrohte ländliche Architektur begann, hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten zu einem vielfältigen kulturellen Ort entwickelt. Die historischen Gebäude, aber auch die Objektsammlungen und vor allem die Biografien der Menschen, die sie einst besessen haben, eröffnen vielschichtige Einblicke in die Alltagskultur des ländlichen Oberbayerns – vom Spätmittelalter bis in die jüngste Vergangenheit. Zu dieser Alltagskultur gehört, wie man am eingangs erwähnten Beispiel von Gudrun Brandt sehen kann, schon immer die Musik. Das spiegelt sich an der Glentleiten ebenfalls wider – in der Dauerausstellung auf dem Museumsgelände, bei Veranstaltungen, in der Sammlung.
Musik in der Museumssammlung
Die Sammlung der Glentleiten umfasst mittlerweile rund 100.000 Objekte. Dazu gehören unter anderem Kleidung und Wäsche, Möbel, Werkzeuge und Maschinen, landwirtschaftliche Geräte und vieles mehr. Auch Dinge, die mit Musik zu tun haben, sind Teil dieser umfangreichen Sammlung. Musikinstrumente wie Zithern, Akkordeons, Gitarren, Mundharmonikas, unterschiedliche Blechblasinstrumente, Oboen – sogar eine Laute, ein Triangel und eine Militärtrommel – finden ebenso Platz wie Noten, Schallplatten und Grammophone.
Ein besonderes Objekt aus diesem Sammlungsbereich ist ein Musikautomat. Das Symphonion genannte Gerät stammt aus der Zeit um 1900. Entwickelt wurde diese Art der Plattenspieldose 1886 in Leipzig. Der Glentleitner Musikautomat jedenfalls traf 1929 aus Dingolfing mit dem Zug in Bad Tölz ein. Empfänger war der Kaufmann Adolf Vogel, der ein Jahr zuvor in die Stadt gezogen war. Absenderin war eine gewisse Thekla Vogel aus Dingolfing, vermutlich eine Verwandte. Adolf Vogel nutzte das Symphonion entweder privat oder verkaufte es an ein Wirtshaus in der Region. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts beschafften immer mehr Wirte zur Unterhaltung ihrer Gäste solche Automaten. Sie ergänzten damit ihr musikalisches Angebot, welches vorher allein durch Musikgruppen oder Sänger bestritten wurde.
Angetrieben wird das Symphonion durch einen Federmotor, der mit einer Handkurbel aufgezogen werden muss. Nach dem Einwurf einer 5-Pfennig-Münze spielt es Musik ab. Als Tonträger dienen gestanzte Lochplatten, die wesentlich billiger und einfacher herzustellen waren als die zuvor üblichen Walzen mit Stahlzinken. So konnte das Repertoire relativ günstig und schnell erweitert werden. Insgesamt gehören zu diesem Automaten 28 Lochplatten, die in einem vermutlich nachträglich hinzugefügten Unterschrank aufbewahrt wurden. Das musikalische Angebot reicht von Walzern über Märsche und Operettenmusik bis hin zu Weihnachtsliedern. Wer solcher Art Musikautomaten einmal in Aktion sehen und vor allem hören möchte, sollte zum Christkindlmarkt des Museums am ersten Adventswochenende kommen. Dann nämlich werden mehrere dieser Geräte zum Klingen gebracht.
Darüber hinaus enthält das Fotoarchiv zahlreiche historische Aufnahmen, die Menschen beim Musizieren zeigen – sei es im kirchlichen Kontext etwa bei der Gestaltung von Gottesdiensten oder Prozessionen, sei es beim Feiern von Hochzeiten, von Kirchweih, Jubiläen und so weiter. Die hier gezeigten historischen Aufnahmen von Erika Groth-Schmachtenberger (1906–1992) stammen aus einer Serie, die bei einer oberbayerischen Bauernhochzeit 1959 in der Nähe von Miesbach gemacht wurden. Die Fotografin hielt mit der Kamera den ganzen Tag fest: die kirchliche Trauung, den Besuch des Friedhofs (bei dem die Hochzeitskapelle bereits anwesend war und musizierte), den Zug ins Wirtshaus mit der Kapelle vornweg, das reichhaltige Festtagsessen und den anschließenden Hochzeitstanz, bei dem die Blechmusik auf der Bühne sitzend aufspielte. Allein aus dieser Bilderserie lässt sich viel über den Einsatz von Musik in früheren Zeiten ablesen, z. B. Besetzung, Anzahl der Musiker, Anlässe, Abläufe oder Verortung.
»Dabei darf esselbstverständlich auch lustig und laut zugehen!«
Musik bei Veranstaltungen
Während die Objekte in den Depots und die Fotografien im Archiv vor allem für die wissenschaftlichen Aufgaben des Museums Bedeutung haben, richten sich die Veranstaltungen direkt an die Besucherinnen und Besucher. Und hier spielt Musik an der Glentleiten ebenfalls eine zentrale Rolle. Traditionell findet in Kooperation mit der Volksmusikpflege des Bezirks Oberbayern am Muttertag beispielsweise der Tag der Volksmusik statt. Gruppen unterschiedlichster Besetzung kommen dann zusammen und spielen für die Besucherinnen und Besucher auf. Dabei beginnt der Tag stets mit einem festlich von Bläsern gestalteten Gottesdienst. Zwischen 15 und 20 Musikensembles geben sich anschließend in den Stuben oder bei gutem Wetter auch vor den historischen Häusern ein Stelldichein mit ihrem Publikum. Dazu gibt es außerdem die Möglichkeit zum Tanz und von der Volksmusikpflege organisierte Mitsing-Aktionen. Fest im Programm verankert ist auch der Zithersonntag Ende August (heuer am 30. August), bei dem explizit das Instrument Zither im Mittelpunkt steht. Hier arbeitet die Kultureinrichtung des Bezirks Oberbayern seit Jahren mit dem Verein Zither in Bayern zusammen. Dabei haben die Veranstaltungen jedoch nicht nur zum Ziel zu unterhalten und dem Publikum eine schöne Zeit zu bescheren, es geht vielmehr auch um die Bewahrung von immateriellem Kulturgut. Dasselbe gilt für die beliebten Volkstänze, die einmal im Monat stattfinden.
Dass beim traditionellen Kirchweihfest am 3. Sonntag im Oktober und dem Christkindlmarkt Musik fest verankert ist, versteht sich da schon fast von selbst. Natürlich schafft sie dabei eine ganz besondere Atmosphäre im Museumsgelände, die die Gäste schätzen und lieben, gleichzeitig aber tragen diese Programmpunkte dazu bei, musikalisches Erbe zu bewahren und lebendig zu halten. Dabei darf es selbstverständlich auch lustig und laut zugehen!
Wer sich explizit musikalisch weiterbilden möchte, kann dies ebenfalls im Freilichtmuseum tun, denn als außerschulischer Lernort hat die Glentleiten auch vielfältige Erwachsenenkurse und zahlreiche Aktionen für Kinder und Familien im Programm: Einmal im Jahr bietet das Museum gemeinsam mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege ein Jodelseminar an. Daran nahmen heuer wieder gut 80 Personen teil und lernten überlieferte Jodler in traditioneller Mehrstimmigkeit – für viele ein ganz besonderes Klang- und Gemeinschaftserlebnis! Beim Alphorn-Schnupperkurs wiederum gibt die bekannte Musikerin Elisabeth Heilmann-Reimche eine Stunde lang Einblick in die Technik und den Klang dieses besonderen Instruments.
Last but not least steht das Freilichtmuseum Musikgruppen offen, die einfach in einer der historischen Stuben, am Kramerladen oder auf einer Hausbank musizieren wollen. Nach Voranmeldung sind Gruppen herzlich willkommen in Südbayerns größtem Freilichtmuseum!
Auf geht’s zu Volkstanz
An den FeierTagen anlässlich des 50. Geburtstages des Museums spielen auf der Glentleiten Musikanten zum Tanz auf: 5. Juli, 2. August, 6. September und 4. Oktober 2026.










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